Wir schreiben das Jahr 1397. Was nicht bedeutet, dass wir in der Zeit zurück gereist sind – nein, sondern wir befinden uns inmitten vom Iran und dessen Zeitrechnung. Diese orientiert sich an der Geschichte von Mohamed, dem islamischen Propheten, und beginnt mit dem Jahr null als Mohamed Richtung Medina aufgebrochen ist um die erste Gemeinde aufzubauen.

Nach den ersten Wochen haben wir uns etwas an die neue Umgebung und Kultur gewöhnt. Wir können bezahlen ohne zehnmal nachzufragen, wie viel sie nun wollen und haben bereits einige weitere Eigenheiten in diesem Land kennen gelernt. Und mehr und mehr wird uns bewusst, dass wir nun in einem völlig neuen Umfeld sind. Die Türkei hat rückblickend als Brücke gedient, zwischen der westlichen und nun östlich orientierten Kultur oder Kulturen.

Ohne Teppich geht nicht mehr viel, das lernen wir langsam kennen. Leider ist es für uns nur schwer möglich einen dieser wunderschönen aber auch recht schweren Dinger mit uns mitzutragen. Hier jedoch scheint es als haben alle Menschen in ihrem Auto und vielleicht auch irgendwie auf ihrem Motorrad versteckt einen Teppich. Dieser wird gerne an allen möglichen Orten ausgebreitet um darauf zu sitzen, liegen, zu picknicken und sich aus zu ruhen. Natürlich kennen wir das auch etwas bei uns, wenn wir an den See in die Sonne liegen oder im Wald gemütlich zusammensitzen.

Auf unserem Weg sind wir in den letzten Tagen immer wieder der Autobahn gefolgt, das weil sie für die Autofahrer etwas kostet. Dies, so vermute ich, ist der Grund, weswegen alle grossen Trucks auf den oft parallel verlaufenden Hauptstrassen unterwegs sind. Somit bleibt für uns ein wunderbar breiter Seitenstreifen und eine nur wenig befahrene Strasse. Nur steht jeweils vor der Einfahrt ein grosses Schild, auf welchem unübersehbar gekennzeichnet ist, dass Radfahren auf der Autobahn verboten ist. Naja, wir dachten uns, wir können es ja einfach einmal ausprobieren und sehen was passiert. An der Zahlstation wurden wir freundlich begrüsst und gefragt wo wir herkommen. Danach winkte uns der nette Herr ohne etwas zu verlangen durch und wir radelten fröhlich weiter. Auf der Autobahn stehen auch tatsächlich immer mal wieder Polizisten, welche die Geschwindigkeit der Autofahrer kontrollieren. Auch sie winkten uns fröhlich und freundlich zu und liessen uns vorbeiziehen. Geschriebene Regeln, so scheint es im Iran, sind vor allem dazu da, um sie zu brechen.
Von Zeit zu Zeit sind wir an Raststätten vorbeigekommen. Oft haben sie einen kleinen Läden, der vor allem Chips, Kekse und Süssgetränke verkauft, eine Tankstelle und ein Klo. Manchmal gibt es auch Plätze um sich von der langen Fahrt auszuruhen. Nun fehlt uns jedoch etwas entscheidendes… Die Plätze sind meist überdacht und sehen aus wie ein Pavillon. Allerdings gibt es keine Tische und Bänke nur eine gerade Fläche um natürlich – seinen eigenen Teppich auszubreiten.

Spannend und nicht immer ganz einfach im Umgang sind die Menschen mit ihrer wunderbaren Offenheit, Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft.
Wir waren in den letzten Wochen bei unterschiedlichen Menschen zu Gast und durften so vereinzelte Einblicke in das Leben der Menschen gewinnen. In den meisten Fällen haben wir mit dem nicht erlaubten Couchsurfing oder Warmshowers etwas nachgeholfen. Das hat den Vorteil, dass die so kontaktierten Leute etwas Englisch können, um unsere fehlenden Farsikenntnisse auszugleichen. Aber auch auf der Strasse bekamen wir immer wieder das Angebot bei den Menschen zu Hause zu übernachten. Leider mussten wir oft ablehnen, da die Einladungen etwas mit unserem Vorwärtskommen und Zeitplan kollidiert sind. Mit unserem zweimonatigen iranischem Visa und dem ablaufenden Visa für Pakistan haben wir leider wenig Spielraum hier im Iran. Manchmal aber hat es auch gepasst, wie als uns ein Englisch-Lehrer, im genau richtigen Moment angesprochen und einen Platz angeboten hat. So befanden wir uns plötzlich in einem Klassenzimmer und am nächsten Morgen umringt von seinen jungen Englisch-Schülern.

Auf der Strasse werden wir sehr oft angesprochen und gefragt, woher wir kommen und wohin wir gehen. Immer wieder wird uns auch Essen und Wasser zugesteckt oder in kleinen Läden schlicht geschenkt. Eine weitere Eigenheit im Iran nennt sich Tarof. So soll jedem möglich sein, dem Gegenüber eine nette Geste anzubieten. Ob nun eine Einladung nach Hause oder einfach etwas zu essen. Jedoch wird erwartet, dass man diese Gesten zuerst ablehnt. Wie oft, das ist jeweils schwer zu sagen, aber die Idee ist, dass das Angebot somit auch wieder zurückgezogen werden kann. Für uns ist es so immer wieder schwierig zu wissen und herauszufinden, was uns jetzt die Leute wirklich geben wollen und was eigentlich ja nicht…
So ist auch das Vorwärtskommen per Anhalter (Autostopp) nur in ca 5% der Fällen möglich. Nicht weil die Leute nicht anhalten – nein, sondern weil sie dahin fahren wo wir und nicht sie hin wollen. Wirklich sehr lieb und es ermöglichte uns so auch die Kateleh Khor Höhlen und den Takht-de-Soleiman Zoroaster Feuertempel per Anhalter zu besuchen.

Die Menschen sind sehr neugierig und freundlich. Was aber auch nicht immer ganz einfach auszuhalten ist. So hat uns ein älterer Mann beim Zelten nahe der Stadt gesehen und kam sehr besorgt um ca 22:30 bei uns an. Nach einiger Zeit war es mir von den Gesten des Mannes abgelesen und mit Googleübersetzer möglich zu verstehen, dass er unseren Platz für gefährlich hält. Es habe Räuber in der Nähe und die würden uns bestimmt ausrauben. So gut gemeint die Geste war, haben wir uns trotzdem sehr sicher gefühlt und nicht die Notwendigkeit gesehen um diese späte Stunde all unser Zeug zusammen zu packen und zu diesem Mann zu gehen. Danke an dieser Stelle an Mojtaba für die Übersetzungshilfe am Telefon.
Einen weiteren Abend haben wir uns etwas von der Strasse abgesetzt zwischen den Feldern in einem alten halben Haus niedergelassen. Plötzlich um 21 Uhr Abends standen eine ganze Familie bei uns im „Schlafzimmer“ und haben Julia belagert, dass sie doch nun zusammenpacken und mit ihnen ins Dorf mitkommen soll. Es brauchte schon einiges an Überzeugungsarbeit, bis sie uns wieder verlassen haben.

Und doch die allermeiste Zeit geniessen wir es mit den Menschen. Gerade auch mit denen wir etwas mehr Zeit verbringen können. Und so ist uns aufgefallen, dass die Teppiche nicht nur im Freien wichtig sind. So „fehlten“ bei einigen Leuten zu Hause Tische und Stühle, manchmal auch Betten. Vieles findet am Boden und oft auf wunderschönen Teppichen statt. Es wird dort gegessen, verweilt und oft auch geschlafen.

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